Waffenwahn bei texanischen Kindern oder Vorsicht?

Galileo-Logo von WikipediaAm 12. April 2014 zeigte Galileo den Beitrag “Waffenwahn in Texas“.

In Deutschland heißt es nach Amokläufen immer: Waffengesetze verschärfen. Ganz anders in den USA, hier ist aufrüsten angesagt. Ein Pistolen-Pfarrer, Robotergewehre, die sich ihr Ziel selbständig suchen und Waffenkurse für Kinder – ein Land im Ausnahmezustand. Galileo schickt Reporter Cornel Bunz auf Entdeckungsreise nach Texas.

Anfangs wird ein Pistolen Pfarrer gezeigt, dessen Lieblingswaffe ein Dirty Harry Revolver ist, der Schießkurse anbietet, Notwehrkurse abhält, bewaffnet durch die Gegend läuft – auch in der Kirche – und seiner 5-jährigen Tochter das Schießen beigebracht hat. Er kann auch das Töten eines Angreifers in Notwehr mit der christlichen Lehre vereinen. Das sei Gottes Wille.

Unterschied zwischen Kalifornien und Texas

Dann wird Kalifornien mit Texas verglichen. Während in Kalifornien ein strenges Waffenrecht herrscht mit Registrierung einer jeden Waffen, dem Verbot von Privatverkäufen und dem Verbot von automatischen Sturmgewehren (ähnlich wie in Deutschland), herrscht in Texas ein sehr liberales Waffenrecht. Dort benötigt man lediglich eine Lizenz, wenn man eine Kurzwaffe in der Öffentlichkeit tragen möchte.

Jetzt würde jeder denken, dass es in Texas Mord- und Totschlag gibt und in Kalifornien Friede, Freude, Eierkuchen. Doch dem ist nicht so: In Kalifornien werden mehr Menschen ermordet als in Texas und auch mehr mit SchusswaffenHier die Daten des FBI aus dem Jahr 2012 und die Background Checks pro Staat.

Texas:

  • 4,4 Morde pro 100.000 Einwohner
  • 1.144 Mordopfer auf 26,059,203 Einwohner
  • davon 745 mit Schusswaffen, d.h 65%
  • 5.261 Background Checks per 100,000 Einwohner

Kalifornien:

  • 5,5 Morde pro 100.000 Einwohner
  • 1,884 Mordopfer auf 38,041,430 Einwohner
  • davon 1,304 mit Schusswaffen, d.h. 69%
  • 2.842 Background Checks per 100,000 Einwohner

Anhand der Background Checks (Zuverlässigkeitsprüfung) könnte man davon ausgehen, dass in Texas fast doppelt so viele legale Waffenbesitzer leben wie in Kalifornien. Da jedoch für jede Waffe und nicht für jeden Waffenbesitzer ein Check durchgeführt wird, sind eventuell die Daten einer staatlichen Umfrage mit 36% legalen Waffenbesitzer in Texas und 21% in Kalifornien zutreffender. Beide Daten weisen darauf hin, dass sich in Texas mindestens 1,5 fach so viele legale Waffenbesitzer befinden wie in Kalifornien.

Ein weiterer Unterschied zwischen Kalifornien und Texas ist die Verteilung von Land- und Stadtbevölkerung. Während in Kalifornien 98% der Einwohner in großen Städten wohnen, sind dies nur 91% in Texas. 98% der kalifornischen Morde finden in Großstädten statt, 88% in texanischen Großstädten.

Schusswaffenkriminalität ist laut vieler Studien ein urbanes (städtisches) Phänomen, das vermutlich in Zusammenhang mit sozialer Ausgrenzung, Gangs und Drogenhandel steht, sowie der Verfügbarkeit von illegalen Waffen

Restriktive Waffengesetze haben nur eine Auswirkung: Sie verhindern den legalen Besitz für gesetzestreue Bürger, jedoch nicht den illegalen Besitz für Verbrecher.

 

Die Mär der 30.000 jährlichen Schusswaffenopfer

Zu den 30.000 Schusswaffentoten zählen fast 20.000 Selbstmorde, bei denen das Tatmittel zweitrangig ist.

Ein Selbstmord wird nicht durch restriktive Waffengesetze verhindert. Hat der Selbstmörder keine Waffe, dann nimmt er einen Strick oder stürzt sich vor einen Zug. So ist die Selbstmordrate in den USA identisch mit der in England bei ca. 12 pro 100.000 Einwohner, obwohl in England seit 1996 alle halbautomatischen Waffen verboten sind, d.h. auch Pistolen und Revolver.

Zu diesem Ergebnis kommt auch Dr. Christian Westphal in seiner Doktorarbeit:

Verlaufsdaten aus Österreich von 1982 bis 2011 zeigen zwar, dass mit mehr Schusswaffenlizenzen mehr Schusswaffensuizide einhergehen, aber die Gesamtzahl der Suizide steigt nicht an. Es lässt sich also aus den von mir untersuchten Daten im selben Zeitraum kein Zusammenhang zwischen der Schusswaffenverbreitung und der Zahl aller Suizide messen.

Schaut man sich die FBI Statistik richtig an, bleiben in einem Land mit geschätzen 300 Millionen Waffen und amtlichen 313.914.040 Einwohnern 8,855 Schusswaffenmorde, von denen 409 gerechtfertigt von der Polizei im Dienst verübt wurden und 258 gerechtfertigt von privaten Waffenbesitzern in Notwehr. Das heißt von den o.g. 30.000 Opfern bleiben 8188 Opfer übrig. Von diesen sind 900 Opfer in Bandenkriegen und 1300 Opfer von Gewaltverbrechen, bei 3400 Opfern ist das Motiv nicht bekannt.

Bekannt ist jedoch, dass auch in den USA über 90% der Mörder eine lange kriminelle Historie mit Gewalt hinter sich haben. Mehr als 20% haben zum Tatzeitpunkt sogar eine “einstweilige Verfügung”, sich dem Opfer nicht zu nähern. Diese Menschen bekommen auch in den USA keine legalen Waffen. Die Frage bleibt, wie sie illegal an Waffen heran kommen.

 

Waffen und Kinder: Waffenwahn?

Reporter Cornel Bunz interviewt Mütter, die selber schießen und ihren 3-12 jährigen Kindern das Schießen beibringen. Auf die Frage, ob das nicht ein bißchen früh sei, antwortet ein Mutter: “Nein, Vorsicht ist besser als Nachsicht.” Die Tochter vom “Pistolen Pfarrer” stößt ins gleiche Horn. “Ich will niemanden verletzen”, sagt sie, “aber wenn jemand mich oder meine Familie angreift, dann muss ich handeln.”

In den USA gibt es viele ungeschützte Orte und auch viele Verbrecher mit Schusswaffen. Der Kriminologe Gary Kleck geht von 500.000 bis  2.500.000 Fällen pro Jahr in den USA aus, in denen Waffen zur Selbstverteidigung benutzt werden. Meist reicht schon das Zeigen der Waffe. In 80% der Konflikte fällt kein einziger Schuss.

Aber Kinder? Auch Kinder befinden sich in den USA öfters durch einen bewaffneten Einbruch in Gefahr und verteidigen sich, ihre Geschwister oder Mütter mit eben diesen Waffen. Wer es nicht glaubt, möge hier als Beispiel drei Geschichten lesen: When Kids and Guns Mix

Kinder sind neugierig. Laut einer US-Studie von 2006 wussten 39% der Kinder, wo die Waffen der Eltern aufbewahrt werden und 22% haben sogar damit rumgespielt.

Sich ausschließlich auf Strategien zu verlassen, die natürliche Neugier eines Kindes zu verringen, indem man Kindern erzählt, dass Waffen gefährlich seien, oder die Annahme, ein Kind sei stets gehorsam und würde ein gefundene Waffe niemals berühren, sind völlig ineffektiv, sagte Matthew Miller, stellvertretender Direktor des Harvard Injury Control-Forschungszentrum und Co-Autor der Studie.

Ist es da nicht besser, Kinder mit auf den Schießstand zu nehmen und ihnen unter Aufsicht zu zeigen, wie man mit einer Waffe umgeht? Wir zeigen unseren Kindern doch auch, wie gefährlich Feuer wird, wenn man es unsachgemäß verwendet.

If you see a gun: STOP! Don't Touch. Leave the Area. Tell an Adult.

Eddie Eagle Sticker

Wenn Kinder lernen, mit Waffen sachgemäß umzugehen und ihre Neugier auf dem Schießstand befriedigt wird, dann funktioniert auch das “ Eddie Eagle GunSafe® Program, mit dem die NRA seit 1988 über 25 Millionen Grundschulkinder aufklärt:

Wenn du eine Waffe siehst:
STOP!
Nicht anfassen.
Verlass den Ort.
Erzähle es einem Erwachsenen.

Das funktioniert natürlich nicht, wenn das Kind zum allerersten Mal durch einen Fund den Umgang erhält. Das ist das gleiche wie beim Feuer. Wer mit Eltern zündeln durfte, ein Lagerfeuer überwachen durfte, der wird einen kleinen Brand melden. Wer nie in die Nähe von offenem Feuer gelangte, wird fasziniert vor dem Brand stehen, Stöckchen rein werfen und es beobachten.

Die gleiche Einstellung habe ich auf dieser Seite gefunden: Disarming Kids’ Curiosity

Kathy Jackson beschreibt sehr anschaulich, wie sie es in ihrer Familie machte und wie ihre erweiterte Eddie’s Eagle Regel tatsächlich funktionierte.

Als unsere Kinder zu jung zum Sprechen waren, verstauten mein Mann und ich einfach die Waffen an einem sicheren Ort, wo sie auch heute noch verwahrt werden. Aber als die Kinder alt genug waren, Fragen zu stellen, Dinge zu erforschen und zu ergründen, realisierten wir, dass wir eine weitere Sicherheitsschranke benötigen zwischen unseren Kindern und unseren Schusswaffen. Daher begannen wir unseren Kindern zu erklären, wie man sicher mit Schusswaffen umgeht.

… Früher oder später wird jedes Kind fragen, ob es auch mal laden und abfeuern darf.

…Bevor man zum Schießstand geht, sollten die Kinder eine Ahnung bekommen, was sie dort erwartet. Sie sollten die Schusswaffenregeln für Kinder kennen und die Vier Kardinal-Regeln zur Sicherheit. Sie müssen auch wissen, dass das Tragen der Schutzbekleidung (Gehörschutz, Schutzbrille) und das Einhalten der Regen nicht verhandelbar ist, wenn man das Privileg erhält, mit einer echten Waffe schießen zu dürfen.

Die vier Kardinal-Regeln

  1. Jede Waffe ist jederzeit geladen.
  2. Ziele niemals auf etwas, dass du nicht zerstören willst.
  3. Der Finger bleibt solange weg vom Abzug bis das Ziel erfasst ist und du wirklich abdrücken willst.
  4. Vergewisser dich, was sich hinter deinem Ziel befindet..

Diese vier Regeln gelten für jeden, nicht nur für Kinder, immer und überall. Sogar, wenn man sich zu 100% sicher ist, dass man die Waffe selber entladen hat, ist die Überprüfung des Ladezustands das erste, wenn man eine abgelegte Schusswaffe in die Hand nimmt.

 

Sollen nun Kinder ungehindert an Waffen kommen?

Ich denke das kommt auf das Wohnumfeld an. Wir in Deutschland leben meist an Orten, wo die Gefahr, dass unser jugendliches Kind mit einer Waffe Selbstmord verübt, größer ist als dass es sich damit gegen wilde Tiere oder Verbrecher verteidigen müsste. Ich würde daher nie, auch wenn es erlaubt wäre, Waffen und Munition für Kinder zugänglich verwahren.

Und so sehen es auch viele US-Amerikaner, die ähnlich wohnen, wie z.B. Carrie Lightfoot, die aus ihrem Hobby ein Geschäft machte und sich speziell um die Bedürfnisse amerikanischer Waffenbesitzerinnen kümmert. Guns & Your Children ist eines ihrer Themen.

Eventuell ist die sichere Aufbewahrung in der Pampas, wo der nächste Nachbar 3 Kilometer weit entfernt ist, ganz anders zu betrachten. Oder in Detroit, wo die Mordrate bei 36 pro 100.000 Einwohner lag und sich die Polizei länger als eine halbe Stunde Zeit ließ, bevor sie am Ort eines Verbrechens eintraf. “Wenn Sekunden zählen, ist die Polizei Minuten weit weg“, ist nicht umsonst ein geflügelter Spruch in den USA. Ich maße es mir nicht an, zu bestimmen, was das Beste für einen anderen ist. Ich möchte nur, dass jeder Waffenbesitzer die Sicherheitsregeln einhält, sich der Gefahr bewusst ist und das Risiko richtig einschätzen lernt. Dazu ist Aufklärung besser als jedes Verbot. Man denke an das Beispiel mit dem Feuer.

Der restliche Beitrag des Galileo Film: kurz und knapp

Die Gefahr durch die angeblich fehlenden Background Checks auf Gun Shows werde ich später einmal thematisieren.

Eine krass gefährliche Smart Rifle, die aus jedem Anfänger einen Scharfschützen macht?

20.000 Euro kostet dieses Gewehr, ähnlich viel wird ein gekaufter Attentäter kosten, der unregistriert ohne GPS auch schwerer nachverfolgt werden kann. Zudem bewegen sich i.d.R. menschliche Ziele und stehen nicht starr rum wie im Test. Und die meisten Morde passieren eh in einem Umfeld von Küchengröße. Das Gewehr ist eher eine tolle Innovation für die Wildregulierung in weitläufigen Naturparks, ein “must have” für alle reichen Dödels, die immer das neueste haben wollen und sicher für einige Sniper-Einheiten in Behörden interessant. Ich glaube aber nicht, dass damit die Opfer von Attentaten steigen werden. Da gibt es günstigere und effektivere Mittel, wie z.B. Feuer und Benzin auf engem Raum.