Statistik der Bundesregierung zu Amokläufen

Die  Antwort der Bundesregierung zu einer umfangreichen Kleinen Anfrage der Grünen wird von den Grünen und den Medien missbräuchlich verwendet.

Amoklauf-Statistik: Waffen der Täter meist legal und registriert

Berlin (dts Nachrichtenagentur) – Eine neue Statistik über Amokläufe in Deutschland könnte eine Debatte über die Verschärfung des Waffenrechts in Gang setzen. Nach Angaben der Bundesregierung sind bei den sieben Amokläufen seit 2002 in der Mehrzahl amtlich registrierte Waffen benutzt worden, die überwiegend legal im Besitz der Täter waren. Bei den Taten … waren insgesamt 51 Menschen ums Leben gekommen.

Die Grünen im Bundestag … zeigten sich alarmiert und forderten eine Gesetzesverschärfung. … “Die Munition muss mit klar geregelten Zugangsbestimmungen an einem anderen Ort gelagert werden”, sagte Mihalic. Die öffentliche Sicherheit müsse absoluten Vorrang haben. (dts Nachrichtenagentur vom 01.08.2014)

Bei Überprüfung der Statistik erweisen sich diese Aussagen als falsch

Frage 22 der GRÜNEN: Wie viele registrierte und wie viele illegale Schusswaffen wurden bei Amokläufen in Deutschland mit Schusswaffeneinsatz seit dem Jahr 2000 nach Kenntnis der Bundesregierung von den Tätern verwandt?

Antwort der Bundesregierung:

Es existiert kein einheitliches Verständnis des Begriffs „Amoklauf“. [..] Eine systematische Auswertung der gemeldeten Fälle im Sinne der Fragestellung ist daher nicht möglich. Die in Betracht kommenden Taten stellen phänomenologisch Einzelfälle dar. Vor diesem Hintergrund konnten beispielsweise die in der Öffentlichkeit als Amokläufe bekannt gewordenen Fälle recherchiert und zu diesen wiederum Aussagen im Sinne der Fragestellung getroffen werden. Die nachfolgende Aufzählung erhebt vor diesem Hintergrund keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Wollen wir der Bundesregierung zu Gute halten, dass sie in der Antwort auf die Unvollständigkeit mehrmals hingewiesen hat. Trotzdem ist die Auswahl der Amokläufe zu bemängeln, sowie der fehlende Hinweis zu Studien und Auswertungen.

  • Dies ist keine neue Statistik, sondern eine unvollständige Aufzählung einiger Amokläufe
  • Bei dieser willkürlichen Aufzählung kamen 45 und nicht 51 Menschen ums Leben.
  • Über 40 Amokläufe, die nicht in den Medien breitgetreten wurden, wurden vergessen zu erwähnen, darunter 5 “School Shootings”.

Die Ärztezeitung vom 11.04.2012 veröffentlichte die Täterprofile einer Studie, die von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Magdeburg durchgeführt wurde. Dort wurden 97 Amokläufe zwischen 1990 und 2010 untersucht.

  • Peter und Bogerts stellten dabei fest, dass sich von 1990 bis 1999 insgesamt 50 Amokläufe ereigneten, durchschnittlich fünf pro Jahr, und im darauf folgenden Jahrzehnt 45 Taten.
  • Eine Zunahme von Amokläufen hat es also nicht gegeben. Allerdings zeigen die Magdeburger Forscher einen besorgniserregenden Anstieg der “School Shootings” auf: von einer Tat im Zeitraum 1990 bis 1999 auf sieben in der darauf folgenden Dekade.
  • Ein interessantes Detail: Drei Viertel aller Amoktäter waren vor ihrer Bluttat wegen einer psychiatrischen Erkrankung in Behandlung.
  • 27 Amokläufer (25 Taten) von den 45 Taten wurden dezidiert untersucht.

Prof. Dr. med. Volker Faust hat sich diese Studie genauer angeschaut:

  • Nur bei jedem vierten Amokläufer waren im Kindes- bzw. im Jugend- oder Erwachsenenalter keine seelischen Vor-Erkrankungen bekannt.
  • Bei fast jedem dritten Täter waren im Vorfeld des Amoklaufes Suizidgedanken, bekannt geworden.
  • Jeder fünfte hatte schon versucht, sich das Leben zu nehmen.
  • Vor der Durchführung des Amoklaufes waren bei jedem Zweiten sozial-stabilisierende Faktoren weggebrochen, konkret: Trennung von der Ehefrau, Kündigung des Arbeitsverhältnisses u.a.m.
  • 44% der Amokläufer waren durch Vorstrafen bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten.
  • Schusswaffen sind mit weitem Abstand die häufigsten Tatwaffen: mehr als jeder zweite Fall. Danach kommen in fast jedem fünften Fall Stechen und Erschlagen, in jedem Zehnten eine Amok-Fahrt.

Nach den beiden School Shootings in Erfurt und Winnenden gab es umfangreiche Waffenrechtsänderungen. Trotzdem wurden nach 2009 Amokläufe mit Schusswaffen begangen.

Mindestens 33 Menschen starben seit Winnenden in Amokläufen mit illegal erworbenen Waffen oder Waffen, die zentral gelagert wurden – vier wurden von Tätern ermordet, die diese legal zu Hause lagerten.

Wenn Genthin und Lörrach für die Bundesregierung als Amoklauf zählen, weil es mehr als zwei Mordopfer und Mordversuche gab, dann müssen auch alle anderen Gewaltakte, die diese Merkmale aufweisen, betrachtet werden.

 

Amoklauf von Schwalmtal vom August 2009 mit einer illegalen Schusswaffe und drei Morden und einem Mordversuch:

Die Todesopfer sind zwei Anwälte im Alter von 70 und 38 Jahren sowie ein 48 Jahre alter Gutachter des Kreises Viersen. Der 40-jährige Verletzte ist ebenfalls ein Gutachter des Kreises und liegt mit zwei Schussverletzungen im Krankenhaus…. Die Pistole, mit der der Mann geschossen hatte, stammte nach dessen eigenen Angaben von seinem Vater. Er habe sie ohne waffenrechtliche Erlaubnis aufbewahrt. (FOCUS vom 19.08.2008)

Amoklauf von Esslingen vom April 2009 mit illegalen Schusswaffen und vier Morden

Im Prozess um den Vierfachmord von Eislingen hat Fredrik B. gestanden, die Tat alleine begangen zu haben. Ihm und dem Sohn der Familie wird vorgeworfen, die Eltern und die beiden Schwestern in der Nacht zu Karfreitag erschossen zu haben. Zuvor hatte sich der 19-Jährige bereits zu dem Einbruch in die Schützengilde in Eislingen geäußert, bei dem die zwei Angeklagten unter anderem die beiden Tatwaffen gestohlen haben. Die beiden Schulfreunde hätten die Waffen unabhängig von den Morden gestohlen, sagte der 19-Jährige nach Angaben seines Anwalts aus. (FAZ vom 04.11.2009)

Amoklauf von Himmelstadt vom Juni 2010 mit einer illegalen Schusswaffe und drei Morden und Selbstmord

Vermutlich weil seine Ehe zerrüttet war, hat ein Familienvater seine Frau, seine Söhne und sich selbst umgebracht. … Der Mann hatte die Pistole illegal besessen. (Thüringer Allgemeine vom 03.06.2010)

Amoklauf von Berlinvom August 2011 mit einer illegalen Schusswaffe und zwei Morden und zwei Mordversuchen

Ein 25-jähriger Mann schießt an einer Straßenkreuzung gezielt auf ein mit vier Menschen besetztes Auto. Eine Frau stirbt sofort, eine weitere Frau und ein Mann werden lebensgefährlich verletzt. Die Frau stirbt wenig später im Krankenhaus. (RP Online vom 04.08.2011)

Amoklauf von Weilerbach vom März 2012 mit einer illegalen Schusswaffe und zwei Morden, zwei Mordversuchen und Selbstmord

Der 78-Jährige hatte am Montagnachmittag in einer Praxis im westpfälzischen Weilerbach zwei Ärzte erschossen und eine Arzthelferin verletzt. Auf der Flucht schoss er einen Polizisten an und nahm sich anschließend das Leben.  (Die Welt vom 06.03.2012)

Massenmord von Groß Ilsede vom Juni 2012 mit Messer und vier Morden und einem versuchten Selbstmord

Ein 36 Jahre alter Vater hat seine vier Kinder im Schlaf erstochen. Sein anschließender Suizidversuch scheiterte. (Tagblatt vom 16.06.2012)

Amoklauf von Kerpen vom Mai 2013 mit einer illegalen Schusswaffe und drei Morden und drei Mordversuchen.

In Kerpen soll er die 71-jährige Schwester seiner Frau und deren 73 Jahre alten Mann erschossen haben. Dann sei er nach Langerwehe zurückgefahren und habe seine 64-jährige Ehefrau getötet. Anschließend habe er ab 03.10 Uhr in drei verschiedenen Häusern in Langerwehe Bewohner aus dem Schlaf geklingelt und auf sie geschossen. Eine 54-jährige Frau sowie zwei 58 und 61 Jahre alte Männer wurden dabei schwer verletzt. Woher er das Gewehr hatte, für das er keinen Waffenschein besaß, war zunächst unklar. (Kölnische Rundschau vom 12.05.2013)

Amoklauf von Düsseldorf vom Februar 2014 mit einer illegalen Schusswaffe, drei Morden und vier Mordversuchen, bei dem 600 Polizisten eingesetzt wurden, um den Täter zu stoppen.

Der zunächst unbekannte Amokläufer ersticht und erschießt Menschen, die er dort (in den Kanzleien) antrifft. Anschließend vergießt er Benzin und setzt die Kanzleien in Brand. Die Polizei löst Großalarm aus, sämtliche Spezialeinheiten der NRW-Polizei eilen in die Landeshauptstadt, werden zum Teil von Hubschraubern abgesetzt. ….Mutige Retter hätten eine doppelt so hohe Zahl der Todesopfer verhindert, betont die Polizei später. Zudem soll die Pistole des Amokläufers mehrfach durch Ladehemmungen blockiert gewesen sein. (Die Welt vom 30.07.2014)

Danke an keine-waffen.de und Gunboard, die sich die Mühe machten, die vielen Medienartikel über Amokläufe und Morde zu recherchieren und zu publizieren. Eine Arbeit, die eigentlich Aufgabe der Regierung wäre, die aber seit Jahren nicht in Auftrag gegeben wird – im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern.

Und da es immer noch keine Studie der Bundesregierung mit amtlichen Zahlen gibt, können die Grünen weiterhin von dem angeblichen Risiko des privaten Waffenbesitzes fabulieren.

Die Intention der Grünen sieht man bereits in der Einleitung der Kleinen Anfrage:

[D]ie Amoktaten der vergangenen Jahre in Deutschland wurden mit legalen Waffen begangen. Solange einsatzfähige Waffen zusammen mit Munition in Privathaushalten zu finden sind, stellen sie ein Risiko für die öffentliche Sicherheit dar. Die bestehenden Vorschriften zur Sicherung von Waffen und Munition reichen nicht aus. Dies betrifft vor allem Besitz und Lagerung von Sportwaffen und Munition sowie die Nutzung großkalibriger Waffen im Schießsport. (Einleitung der Anfrage)

Um diese Meinung zu belegen, wurden der Bundesregierung insgesamt 39 Fragen gestellt, wobei nur zwei Antworten pressetechnisch Verbreitung fanden.

Bereits bei der Fragestellung merkt man, dass kein Fachwissen vorhanden ist und den Grünen anscheinend nicht bekannt ist, wie das Gesetzgebungsverfahren laut Geschäftsordnung der Bundesministerien geregelt ist. Dies sieht man besonders deutlich an den Fragen 15 und 36 bis 39.

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Mihalic, ehemalige Polizeibeamtin und Darstellerin in der deutsche Real-Life-Doku-Serie Achtung Kontrolle! – Einsatz für die Ordnungshüter“  fordert, dass Munition mit klar geregelten Zugangsbestimmungen an einem anderen Ort als die Waffe gelagert werden muss.

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Von 1871 bis 1999 findet man bei der AG Waffenrecht eine Auflistung verschiedener Amokläufe, davon 14 aus Deutschland.