Ein Plädoyer für den Mindestlohn von einem Zillionär

Auszüge aus dem Offener Brief von Nick Hanauer (Seattle, US) an seine “Fellow Zillionaires

Während Menschen wie Sie und ich über die Träume aller Plutokraten in der Geschichte hinweg prosperieren, lassen wir 99,99 Prozent des Landes weit hinter uns. Diese Kluft zwischen den Besitzenden und Besitzlosen wird immer schlimmer  – und zwar sehr, sehr schnell

Im Jahr 1980 kontrollierten die obersten 1 Prozent etwa 8 Prozent des US-Nationaleinkommens. Die unteren 50 Prozent teilten sich rund 18 Prozent. Heute besitzen die oberesten 1 Prozent ca. 20 Prozent und die unteren 50 Prozent nur noch 12 Prozent.

Unser Land wird zunehmend weniger eine kapitalistische Gesellschaft und mehr zu einem feudalen Gesellschaft. Wenn unsere Politik sich nicht drastisch ändert, wird die Mittelschicht verschwinden und wir landen beim Zustand des späten 18. Jahrhunderts in Frankreich. Vor der Revolution.

Wenn wir nichts tun, um diese eklatanten Ungerechtigkeiten in dieser Wirtschaft zu beheben, werden die Heugabeln (Referenz zum Bauernaufstand) auf uns zukommen. …Tatsächlich gibt es kein einziges Beispiel in der Geschichte der Menschheit, wo solch ein Reichtum angesammelt werden konnte ohne Widerstand.(Das führt unweigerlich zu) einem Polizeistaat. Oder einen Aufstand. Es gibt keine Gegenbeispiele. Keine. Es geht nicht darum, ob Widerstand kommt, sondern wann.

Als Beispiel für uns reichen Jungs soll Henry Ford dienen. Der erkannte, dass alle seine Automobilarbeiter in Michigan nicht nur als billige Arbeitskräfte ausgebeutet werden können; sie waren auch Verbraucher. Ford dachte, wenn er ihre Löhne kräftig anhob, wären sie in der Lage, sich selber ein Modell T zu leisten.

Was für eine großartige Idee. Mein Vorschlag an Sie: Lasst es uns alle das wiederholen. Wir müssen etwas versuchen. Diese idiotische Trickle-down-Theorie zerstört meine Kundenbasis. Und auch die Ihrige.

Das Grundgesetz des Kapitalismus muss lauten: Wenn die Arbeiter mehr Geld haben, haben die Unternehmen mehr Kunden. Die Mittelschicht stellt den Verbraucher dar, nicht wir reichen Geschäftsleute, die Arbeitsplätze schaffen. Das bedeutet, eine blühende Mittelklasse ist die Quelle des amerikanischen Wohlstands, nicht eine Folge davon. Die Mittelschicht macht uns reich, nicht umgekehrt.

Während der letzten drei Jahrzehnte, wuchsen die Einkommen der CEOs (Vorstandsmitglieder) 127-mal schneller als die Bezüge der Arbeitnehmer. Seit 1950 hat sich das Verhältnis CEO:Arbeitnehmer um 1.000 Prozent erhöht, und das ist kein Tippfehler. Früher verdienten CEOs ca. das  30-fache des mittleren Lohns, jetzt scheffeln sie 500 mal so viel. Doch kein Unternehmen, das ich kenne, hat seine Führungskräften beseitigt oder nach China ausgelagert oder ihre Arbeitsplätze automatisiert. Statt dessen haben wir jetzt mehr CEOs und Führungskräfte als je zuvor. Das gleiche gilt für Angestellte in den Branchen für Finanzdienstleistungen und Technologie. Diese Leute verdienen ein Vielfaches des Durchschnittseinkommens, und wir haben irgendwie immer mehr von ihnen.

Die Sache mit uns Geschäftsleute ist, dass wir es lieben, wenn unsere Kunden reich und unsere Mitarbeiter arm sind. Solange wie wir den Kapitalismus haben, sagen die Kapitalisten das Gleiche bei jedem Versuch, die Löhne zu erhöhen: Wir werden alle in Konkurs gehen. Ich muss schließen. Ich muss alle entlassen. Das ist jedoch nicht geschehen. Tatsächlich zeigen die Daten, dass, wenn Arbeiter besser behandelt werden, das Geschäft immer besser wird. Die Neinsager liegen somit falsch.

Die meisten von Ihnen denken wahrscheinlich, dass die Einführung eines 15 $ Mindestlohn in Seattle eine wahnsinnige Abkehr von vernünftiger Politik sei, die unsere Wirtschaft in große Gefahr bringt. In Seattle liegt der aktuelle Mindestlohn fast 30 Prozent über dem Mindestlohn. Und hat sich unsere Wirtschaft ruiniert? Nun, Trickle-Downer, schaut auf diese Daten: Die beiden Städte in der Nation mit der höchsten Rate des Beschäftigungswachstums von kleinen Unternehmen sind San Francisco und Seattle. Und welche Städte haben die höchste Mindestlöhne? San Francisco und Seattle. Welches ist die am schnellsten wachsende Großstadt in Amerika? Seattle.

Das macht Sinn, wenn man darüber nachdenkt: Wenn ein Arbeiter den nationalen Mindestlohn von $ 7,25 pro Stunde verdient, was glauben Sie, wird davon in den Kassen der lokalen Kleinunternehmen landen? Kaum etwas. Diese Person wird ihre Miete zu zahlen, Lebensmittel kaufen und wenn sie Glück hat, eine Monatskarte für den Bus. Aber sie wird nicht ausgehen, um in Restaurants zu essen.  Sie kauft keine neue Kleidung oder Blumen zum Muttertag.

Wal-Mart ist der größte Arbeitgeber mit rund 1,4 Millionen Beschäftigten in den Vereinigten Staaten und mehr als 25 Milliarden US-Dollar vor Steuern. Warum sind Wal-Mart-Mitarbeiter die größte Gruppe der Medicaid Empfänger? (Anm: staatliche Unterstützung)

Wir reichen Leute wurden fälschlicherweise durch unsere Ausbildung und durch die Bekräftigung der Gesellschaft überredet und überzeugt, dass wir die wichtigsten Arbeitsplätze schaffen. Das ist einfach nicht wahr. Es kann nie genug superreiche Amerikaner geben, um eine hohe Wirtschaftlichkeit zu erschaffen. Ich verdiene etwa 1000 Mal das durchschnittliche Jahreseinkommen, aber ich kaufe nicht tausende Male mehr Zeugs, weder Autos, noch Klamotten.

Liebe 1%, viele unserer Mitbürger beginnen zu glauben, dass der Kapitalismus selbst das Problem ist. Damit bin ich nicht einverstanden, und ich bin sicher, Sie auch nicht. Der Kapitalismus, wenn er gut geführt ist, ist die größte soziale Technologie, die je erfunden wurde, um den Wohlstand in der menschlichen Gesellschaft zu schaffen. Aber der Kapitalismus, dem nicht gegengesteuert wird, tendiert zu Konzentration und Kollaps. (..) Deshalb funktionieren Investitionen beim Mittelstand, aber Steuererleichterungen für uns reiche Leute nicht.

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