Falsch verstandene Tierliebe II

Vor knapp einem Jahr hatte ich meinen Artikel Falsch verstandene Tierliebe veröffentlicht, der auf sehr große Resonanz stieß.

Wie ich gerade erfahren habe, saß auch ich einer grünen “Ente” in Bezug auf die Fehlbetäubungsquote bei Rindern von angeblichen 4 bis 9 Prozent auf. Richtig ist: Die Bundesregierung hat keinerlei repräsentative Zahl über Fehlbetäubungsraten auf deutschen Schlachthöfen in der Antwort 23 auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag genannt.

Gregor Keckl skizziert hier, wie diese Falschmeldung in die Medien gelangte. Das ähnelt frappant der Falschmeldung in Bezug auf Amokläufen 2014, die ich hier im Blog analysierte.

Als ich den ersten Teil schrieb, war ich – wie fast alle Mainstreamleser – gegen die konventionelle Massentierhaltung. Seitdem habe ich vieles zu diesem Thema gelesen. Ich hinterfrage mittlerweile fast alles, nachdem ich mitbekommen habe, was in meinem eigenen Thema für Mythen existieren, mich bzgl. Klimaerwärmung eingelesen habe und sah, wie “Die ZEIT” die “Agrarwende” der Grünen mit einer aufwändigen Kampagne unterstützte.

Ich empfehle jedem, der sich für Landwirtschaft und Ernährung interessiert, die Bürgerinitiative “Dafür stehen wir” der Bauern und Tierärzte zu besuchen, die sich gegen diese ZEIT-Kampagne wehrt.

Als politisch interessierte Bürgerin lerne ich laufend dazu.

  • 2009 wurden die Waffenbesitzer, vor allem Sportschützen, mit einer Hetzkampagne der Grünen – unterstützt von Oxfam, IANSA, amnesty international u.v.a. – verfolgt.
  • 2013/14 fokussierten sich die Grünen – unterstützt von NABU, BUND, PETA  u.v.a. – auf die Jagd und Tierhaltung (Bauern, Exoten, Zirkus, Zoo)
  • 2014/15 hetzen die Grünen gegen die Bauern und Tierärzte – unterstützt von vielen NGOs wie animal health, BUND, virtuelles Wasser u.v.a.

Jagd und Landwirtschaft haben vieles gemeinsam:

  • beide schöpfen wirtschaftlichen Nutzen aus getöteten Tieren
  • beide haben “schwarze Schafe” in ihren Reihen, die für Tierleid verantwortlich sind
  • beide haben deshalb interne “ökologische” Gegner
  • beide werden von Veganer/Vegetarier angegriffen
  • beide haben Lobbyvertreter, die keine anständige PR zustande kriegen und zu selten die Belange der “kleinen Leute” beachten
  • beide haben Antilobbys, die viel Geld in Kampagnen stecken können und deren Mitglieder Entscheidungsposten in den Ministerien besetzen
  • beide können ihre Positionen fast nur in der Gegenöffentlichkeit präsentieren, da die Medien sie mehrheitlich ignorieren

Und so kommt es, dass die im Fleischatlas aufgeführten „Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel”, der von der Heinrich-Böll-Stiftung (parteinah zu den Grünen) in Zusammenarbeit mit dem BUND hergestellt wurde, mittlerweile kritiklos als Unterrichtsmaterial in Schulen Verwendung findet. Dessen Fazit: Fleisch essen ist böse.

Ein kleines österreichisches Öko- und Faire-Welt-Magazin prüfte diese Daten anhand von Internetquellen, die jedem (auch Journalisten) zur Verfügung stehen und veröffentlichte die Kritik bereits im Februar 2014. Nachfolgend eine Zusammenstellung der vier Teile. Ich bin fast jedem der Links gefolgt und habe auch noch weitere gesucht und gefunden, die die Kritik bestätigen.

Kritik am Fleischatlas Band 1 und 2

Teil 1 Wasserverbrauch

  • Fleischatlasmythos: Fast 16.000 Liter Wasser verbraucht ein bescheidenes 1 kg Rindfleisch.
  • Fakt: Der Bärenanteil der 15.500 Liter (sprich 94%)  ist völlig unproblematisch, da es sich um Regenwasser handelt, welches natürlichen Ursprungs ist und dessen Menge mit keiner Wassersparmaßnahme verändert werden kann.

Weitere Infos: Wasser-Mythen (brandeins 11/2012 )

Nach Unesco-Berechnungen werden weniger als ein Fünftel der weltweit genutzten Acker- und Plantagenflächen bewässert. Wenn man die Weideflächen hinzurechnet, sind es sogar nur fünf Prozent. [..] Forscher des Institute for Water Education der Unesco haben schon vor einigen Jahren errechnet, dass durch den Handel mit Agrarprodukten jährlich rund acht Prozent der gesamten Wassermenge eingespart wird, die für die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln aufgewendet wird.

Teil 2 Fleischverbrauch

  • Fleischatlasmythos: In Mittel- und Osteuropa ist der Fleischverzehr am höchsten, die Süd- und Nordeuropäer ernähren sich etwas fleischärmer.”
  • Fakt: Spanien, Portugal, Zypern und Griechenland liegen ganz oben.

Weitere Infos: Statistiken

Teil 3 “Fleisch essen ist böse”

  • Fleischatlasmythos: „Als abschreckendes Beispiel gelte die USA: Jährlich erkranken dort 48 (!!) Millionen Menschen an Bakterien, die sie sich durch den Kontakt mit tierischen Produkten eingefangen haben.“
  • Fakt: „Lebensmittelinfektionen sind mit hohen volkswirtschaftlichem Kosten verbunden. In den USA wird von jährlich 10 (!!) Millionen Infektionen gesprochen.“
    „Ein Report der US-Verbraucherschutzorganisation „Center for Science in the Public Interest“ (CSPI) belegt, dass frisches Obst und Gemüse für deutlich mehr Salmonellenausbrüche verantwortlich sind als Geflügel. Zudem waren bei Masseninfektionen durch Obst und Gemüse durchschnittlich fünfmal mehr Menschen betroffen als beispielsweise durch Meeresfrüchte.

Da wurde wohl wieder mal ein Komma falsch gesetzt und herauskam – wie so oft – eine 10-fache Menge

Weitere Infos: Ernährungsmythen – Gut und böse (brandeins 07/2014 )

Wer viel Obst und Gemüse isst, um damit seine Gesundheit zu fördern, der ist einem der Klassiker moderner Ernährungsmärchen aufgesessen. Und nicht nur das: Der staatliche Appell könnte gar für kollektive Verdauungsprobleme sorgen.
Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage, dass weniger Fleischverzehr mehr Gesundheit bringt. Ein längeres Leben haben die fleischfreien Esser auch nicht.
Vegetarische und vegane Ernährung sind Moden, die mehr der Profilierung der Persönlichkeit als der Gesundheit dienen.

Teil 3: klein und bio = gut / groß  und künstlich = böse

  • Fleischatlasmythos: Vor Massentierhaltung und ihren Folgen wird in den Fleischatlanten ständig gewarnt, kleinbäuerliche Betriebe werden gehypt.
  • Fakt: Dabei könnte sich in Zukunft gerade der erhöhte Flächenbedarf von Bio-Produkten wegen ihrer geringeren Erträge/Fläche als Problem etablieren. Die NGO Foodwatch hat für Deutschland 2008 in einer Studie errechnet, dass man, bei gleichbleibender Ernährung, für den gleichen Ertrag 87% (!) mehr von der aktuellen Agrarfläche brauchen würde.
  • Fleischatlasmythos: “Knapp ein Drittel der 14 Milliarden Hektar kultivierten Landes unserer Erde dient dem Anbau von Futtermitteln.”
  • Fakt: Die gesamte Landoberfläche der Erde beträgt nur ca. 13 Milliarden Hektar liegt. Beackert werden aktuell ca. 1,4 – 1,6 Milliarden ha.

Also wieder einmal falsche Zahlen! Und wieder ist es die TAZ, die mit richtigen Zahlen aufwartet:

Von den rund fünf Milliarden Hektar urbarem Land auf dieser Erde sind 3,4 Milliarden Weideland. Mehr als zwei Drittel der nutzbaren Flächen dienen also der Erzeugung tierischer Lebensmittel. Und das ist keineswegs Verschwendung, sondern eine ökologische Notwendigkeit. Diese Flächen sind für Ackerbau ungeeignet. Die einzige Möglichkeit, auf diesen Flächen nachhaltig Nahrung zu gewinnen, ist die Tierhaltung.

Biolandbau und Vegetarismus schließen einander aus. Durch den Verzicht auf mineralische Düngemittel ist die ökologische Landwirtschaft ganz besonders auf Tiere als Düngerproduzenten angewiesen. Würden die Biokunden auf Fleisch, Milch und Eier verzichten, wäre dies das Ende der ökologischen Landwirtschaft.

Teil 4 Futtermittelimport

  • Fleischatlasmythos: Fast ein Drittel des Futters muss zusätzlich importiert werden – und da beginnt das deutsche Rind am Regenwald zu knabbern.”
  • Fakt: Tatsächlich importierte Deutschland in den letzten Jahren nur ca. 10% seiner Futtermittel, aber 80% Obst und über 60% Gemüse.

Nicht das deutsche Rind, sondern Vegetarier, Veganer und Mischkostesser knabbern am Regenwald.

Fazit: Der Skandal

Der wirkliche Skandal an der ganzen Sache “Fleischatlas” ist nicht, dass dort schlecht recherchiert wurde. Der wirkliche Skandal ist, dass das seit weit über einem Jahr niemand aufgefallen ist. Weder den Qualitätsmedien, noch den Mainstreammedien, noch der NGO- und Öko-Szene. Im Gegenteil wurde und wird völlig unkritisch aus ihnen zitiert. Auch mir wurden die Fleischatlanten von einem großen österr. Verein, der in Umweltbelangen berät, empfohlen. Gerade mal der Dt. Bauernverband wies 2013 den ersten Fleischatlas  als einseitig zurück. Aber auch diese Information fand ich nur auf Agrar-Websites.

Wie also kommt’s, wie kann es kommen, dass es einem Laien zufällt, all diese Ungereimtheiten aufzudecken? Wie konnte es dazu kommen, dass es in den Medien keine, absolut keine kritische Berichterstattung zu den Fleischatlanten gibt? Und wie kommt’s, dass all den Fachleuten in der sich selbst so kritisch dünkenden Öko- und NGO-Szene nichts aufgefallen ist?

Rezensent: Thomas Divis, 2.5.2014;   thomas.divis | at | suedwind.at

 

Ich habe im letzten Jahr viele Artikel von dem oben zitierten Agrarstatistiker Georg Keckl gelesen. Mit seinem polemischen Stil kann ich oft nichts anfangen, mit seinen Daten und Fakten schon, da er  – wie auch John R. Lott und Gary Kleck – seine Daten und deren Herkunft auf seinen Webseiten zur Verfügung stellt. Und er verweist ebenfalls – wie alle seriösen Wissenschaftler – darauf, dass Daten immer unterschiedlich interpretiert werden können. Diese Ergebnisoffenheit vermisse ich bei den Grünen und NGOs, die für sich die einzige Wahrheit gepachtet haben. Dabei wissen wir doch alle, dass es im Leben kein Schwarz/Weiss, sondern nur unterschiedliche Grautöne gibt. Auch wissen wir, dass “gut gemeint, nicht gut gemacht” bedeutet.

Die Grünen und ihre unterstützenden NGOs waren in den 80/90er Jahre “das Volk”.
Heute gehören sie zum Etablishment, besitzen Macht und missbrauchen diese.

Das Volk ist mal wieder ohne Vertretung und eiert orientierungslos herum, da auch dem Internet als Gegenöffentlichkeit nicht vertraut werden kann. Es ist bekannt, dass sich Propaganda-Bots in Diskussionen einmischen und Geheimdienste Bürgerbewegungen unterwandern. Am besten ist es wohl, wenn man selber immer wieder versucht, beide Seiten einer Medaille zu betrachten, und denen vertraut, die sich über Jahre hinweg als vertrauenswürdig erwiesen haben – was meist nur lokal oder branchenintern möglich ist. Ich jedenfalls habe in den letzten fünf Jahren einen ganzen Haufen von Menschen virtuell kennengelernt, die mein Vertrauen nicht missbraucht haben – und dafür bedanke ich mich hiermal bei den Forenbetreibern, WordPress und auch Facebook.


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