Ministerium stoppt Bundeswehr-Liederbuch

Der Spiegel schreibt:

Das Verteidigungsministerium hat die Ausgabe eines Bundeswehr-Liederbuches gestoppt. Besonders in der Kritik stehen in dem Liederbuch „Kameraden singt!“ Stücke wie „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, das „Panzerlied“ oder „Das Westerwaldlied“.

Sie wurden dem Ministerium zufolge in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs als Ausdruck nationalsozialistischer Überhöhung missbraucht. Zudem finden sich in dem Liederbuch Kompositionen und Texte von NS-Ideologen.

SPIEGEL – 12. Mai 2017

Wenn wir alles, was nationalsozialistisch eine Überhöhung erfuhr oder von NS-Ideologen niedergeschrieben wurde, aus unserer Gesellschaft verbannen, was machen wir dann mit Muttertag, Windenergie, Klimaerwärmung und Natur- und Tierschutz?

Muttertag

Eine nationalsozialistischer Überhöhung erfuhr der Muttertag:

Besonders kinderreiche Mütter wurden als Heldinnen des Volkes zelebriert, da sie den „arischen Nachwuchs“ fördern sollten. 1933 wurde der Muttertag zum öffentlichen Feiertag erklärt und erstmals am 3. Maisonntag 1934 als „Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter“ mit der Einführung des Reichsmütterdienstes in der Reichsfrauenführung begangen.

Wikipedia

Naturschutz und Windenergie

Eine nationalsozialistische Überhöhung erhielten Naturschutz und Windenergie. Das Naturschutz- und Tierschutzgesetz (und Jagdgesetz) wurde von NS-Ideologen geschrieben.

Zur „Blut und Boden“-Ideologie gehörte gesunde Ernährung, die Idealisierung des bäuerlichen Lebens und deutsche Waldromantik.

„Es geht gegenüber der deutschen Natur und Heimat“, schrieb Hans Schwenkel, Mitinitiator des Reichsnaturschutzgesetzes von 1935, „um Weltanschauung, um amerikanisch-jüdische oder um deutsche Lebensauffassung und Lebensgestaltung.“

Autarkie war eines der wichtigsten Ziele des Regimes, deshalb war auch das Interesse an nachwachsende Rohstoffen und alternativen Energien groß. Der „Völkische Beobachter“ schwärmte, die Windenergie würde „eine völlige Umwälzung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse herbeiführen“. „Reichskrafttürme“ hießen die Propelleranlagen damals.

Das von den Nationalsozialisten geschaffene Naturschutzgesetz blieb ebenso wie das Tierschutzgesetz noch bis in die 70er-Jahre in Kraft. Nicht nur in juristischer Hinsicht gab es Kontinuität. Ex-Nazis waren in der Führungsspitze der großen Umweltverbände aktiv und gehörten zu den Gründervätern der Grünen.

Michael Miersch (Archiv) / 09. April 2012

2002 hielt Jürgen Trittin, damaliger Bundesumweltminister zu diesem Thema eine Rede:

Das Reichsnaturschutzgesetz war im Gegenteil schon qua Entstehung ein Gesetz der Nationalsozialisten, und das nicht nur, weil es auf der Grundlage des Ermächtigungsgesetzes handstreichartig verabschiedet wurde.

Ohne das persönliche Eingreifen von Hermann Göring wäre das Gesetz kaum verabschiedet worden. Auch der Vorspruch zum Reichsnaturschutzgesetz zeigt in Sprache und Argumentation, das dieses ein Gesetz der Nationalsozialisten war. Und zumindest eine inhaltliche Regelung war eminent nationalsozialistisch, nämlich die Schaffung einer entschädigungslosen Enteignung nach dem NS-Grundsatz „Gemeinnutz vor Eigennutz“.

Naturschutz und Nationalsozialismus, 4. Juli 2002

Von Menschen gemachte Klimaerwärmung

Diese Gefahr wurde erstmals von einem NS-Ideologen beschworen.

Die Gefahr einer durch Menschen verursachten Klimaerwärmung wurde 1959 in dem Roman „Der Tanz mit dem Teufel“ erstmals beschworen. Autor war der Österreicher Günther Schwab, der es als Nazi zum SA-Sturmführer gebracht hatte. Im späteren Leben galt er als grüner Visionär, bekam Orden und das „Ehrenzeichen in Gold des Naturschutzbunds Österreich“.

Michael Miersch (Archiv) / 09. April 2012

„Bedenkliches“ Liedgut?

Schwarzbraun ist die Haselnuss

ist ein deutsches Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Der Text des Liedes erschien erstmals in Liederbüchern der Arbeiterjugend der 20er Jahre – lange vor 1933.

Das Motiv des schwarzbraunen Mädchens kommt in vielen Volksliedern seit dem 16. Jahrhundert vor. Es beschreibt einen zupackenden, herzhaften Typus, der auch der körperlichen Liebe ganz und gar nicht abgeneigt ist. Das Gegenbild ist die spröde, blonde Frau, die meistens auch einen höheren sozialen Rang einnimmt.

In seiner Autobiographie „Aus dem Volksleben“, die 1863 in Nürnberg erschien, erzählt Christoph Weiss von einem feuchtfröhlichen Abend aus seiner Handwerksburschenzeit in Berlin am 21. Oktober 1833: „Ich wurde so lustig, dass ich fast den halben Abend hoch vom Tische herunter Schnaderhüpferl sang und dazu jodelte, während sich die Andern um mich herumstellten und jubelnd in den Chor mit einstimmten. Wollten meine Landsleute [aus Oberfranken] mir vorwerfen, ich mache es zu toll, so wurden sie von den Andern überstimmt und ich sang weiter: […] Schwarzbraun sind d’Haselnüß Schwarzbraun bin ich, Schwarzbraun ist mein Schatzerla, G’rad so wie ich.

Victor von Scheffel zitiert in seinem Roman „Ekkehard“ ebenfalls eine Strophe: Schwarzbraun sind die Haselnüss‘ Und schwarzbraun bin auch ich, Und wenn mich einer lieben will, So muß er sein wie ich. Scheffel schrieb den Roman 1855.

Barbara Boock: „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“ – Nachforschungen zu einem umstrittenen Volkslied. 2001

Es gibt somit laut des Instituts für Musikalische Volkskunde der Universität zu Köln zwei Hinweise, dass der Text aus dem 19. Jahrhundert stammt und das Lied in den 20er Jahren von der Arbeiterjugend gesungen wurde.

Ich persönlich habe das Lied durch das „Goldene Gate Quartett“ in den 70ern kennengelernt: https://youtu.be/L-NCtA9kBQY

Der Liedtext:

1. Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich, ja ich,
schwarzbraun muss mein Mädel sein – gerade so wie ich.

2. Schätzerl hat mir’n Busserl geb’n, hat mich schwer gekränkt, ja schwer gekränkt,
hab’ ich ihr’s gleich wiedergegeb’n, ich nehm’ ja nichts geschenkt!

3. Schätzerl hat kein Heiratsgut, Schätzerl hat kein Geld, kein Geld,
doch ich geb es nicht heraus, für alles in der Welt.

4. Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich, ja ich,
wer mein Schätzerl werden will, der muss so sein wie ich.

Das Westerwald-Lied

Die Melodie geht auf alte Westerwälder Weisen aus dem 19. Jahrhundert zurück, während der Text des in vielen Ländern bekannten Marschliedes 1932 entstand.

Entstanden ist das Lied in einem Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD, der im Hohen Westerwald Drainagearbeiten durchführte. Lagerleiter, Baumeister der Gemeinde Daaden (Landkreis Altenkirchen) und Sportlehrer sollen im November 1932 zusammengesessen und gemeinsam den Text verfasst haben. Dazu haben sie eine alte Westerwälder Melodie genommen, die gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke „im 19. Jahrhundert entstanden“ ist. Josef Neuhäuser komponierte 1935 den später weltbekannt gewordenen Westerwaldmarsch, in dem er im Trio (Mittelteil) die Melodie des im FAD entstandenen Westerwaldliedes verarbeitete.

Verbreitet durch die Arbeitsmänner des FAD und des späteren Reichsarbeitdienstes (RAD) wurde das Westerwaldlied bald in allen Arbeitslagern in ganz Deutschland populär. Die Popularität des von Josef Neuhäuser komponierten Westerwaldmarsches stieg weiter an, nachdem der Marsch häufig vom Großdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde und mehr als 20 Schellackplatten erschienen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten Westerwaldlied und -marsch als belastet durch das NS-Regime. Doch die Erinnerung an das Lied ließ sich nicht verbieten. Es dauerte nur etwas mehr als ein Jahrzehnt, da griff die Bundeswehr nach ihrer Gründung 1955 das Westerwaldlied auf, als wenn das Lied nicht durch die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg „verbrannt“ worden wäre, die mit dem Lied auf den Lippen im Mai 1940 überfallartig in Holland, Belgien und Luxemburg einmarschiert waren.

Immerhin heißt es 1958 und auch noch in der zweiten Auflage von 1991 im Liederbuch der Bundeswehr Kameraden singt!: „Dieses Lied ist das wohl bekannteste Lied der ehemaligen deutschen Wehrmacht […] Es sollte daher immer besonders sorgsam abgewogen werden, ob und wo dieses Lied durch Angehörige der Bundeswehr gesungen wird“. Dagegen heißt es 1976 im Liederbuch der Bundeswehr Hell klingen unsere Lieder in abgemilderter Form: „Trotz seiner vorzüglichen Eignung für den Marschgesang der Truppe sollte es nur als wichtiges Lied in der Entwicklung des deutschen Soldatenlieds angesehen werden“.

Bald kamen LPs und CDs auf den Markt. Zu den ersten LPs mit dem Westerwaldlied gehörten 1962 und 1964 die Aufnahmen des Heeresmusikkorps der Bundeswehr, 1965 die Stimmungslieder mit dem Gesang von Willy Millowitsch und 1968 Heino mit seiner ersten LP Heino (bis 1984 sechs weitere LPs und 1985 bis 2013 acht CDs mit dem Lied). Und natürlich kamen weitere Aufnahmen von Bundeswehr-Musikgruppen heraus, von den Musikkorps der jeweiligen Teilstreitkräfte und diversen Soldatenchören. Vom Norden (Marinechor Blaue Jungs 1979) bis zum Süden (Tölzer Knabenchor, 1979), vom berühmten Montanara Chor bis hin zu regionalen Chören wie den Westerwälder Nachtigallen und sogar in Österreich (von den Kremser Buam) wurde der Westerwald besungen. Das Deutsche Musikarchiv weist in seinem Katalog insgesamt 75 Tonträger und 34 Notenausgaben aus.

Und nachdem auch die westdeutschen Rundfunkanstalten ihren Teil dazu beigetragen hatten, das Lied wieder „salonfähig“ zu machen, nahmen wieder große Verlage es ebenfalls in ihre Liederbücher auf, so z. B. Heyne mit dem Taschenbuch Die schönsten deutschen Volkslieder (1977), der Weltbild Verlag mit Deutsche Heimatlieder (1985), Deutscher Liederschatz (Band 1, 1988) und Das Volksliederbuch (1995), Kiepenheuer & Witsch mit Das große Buch der Volkslieder (1993, das später von der Bertelsmann Buchgemeinschaft übernommen wurde) und Das Beste in Kooperation mit dem ADAC mit Die schönsten deutschen Volkslieder (2004), um nur die umsatzstärksten Liedersammlungen zu nennen. Hingegen wurde es in die vom CVJM (Christlicher Verein junger Menschen) herausgegebene Mundorgel (mit der höchsten deutschen Auflage für ein Textliederbuch von 10 Millionen, und 4 Millionen Notenausgabe) bewusst nicht aufgenommen.

Georg Nagel

Der Liedtext:

1. Heute wollen wir marschier’n – einen neuen Marsch probier’n
In den schönen Westerwald, ja da pfeift der Wind so kalt.

2. Und die Gretel und der Hans – geh’n des Sonntags gern zum Tanz,
weil das Tanzen Freude macht – und das Herz im Leibe lacht

3. Ist das Tanzen dann vorbei, gibt es meist Keilerei
und dem Bursch‘, den das nicht freut, sagt man nach, der hat kein Schneid.

Refrain: O du schöner Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt,
jedoch der kleinste Sonnenschein dringt tief in’s Herz hinein.

Panzerlied

Mit diesem Lied kann ich mich persönlich überhaupt nicht anfreunden, aber ich sitze ja auch nicht in einem engen Panzer und fahre auf einen Feind zu und riskiere damit mein Leben.

Grundsätzlich handelte es sich bei einem Panzerlied um ein Soldatenlied, dass das Kriegsgeschehen verherrlichen oder ertragbar für die Soldaten der Panzertruppe machen sollte. Das Panzerlied entstand am 25. Juni 1933 und wurde von dem Oberleutnant Kurt Wiehle während der Fahrt geschrieben. Kurt Wiehle übernahm dabei die Melodie von dem Lied ‚Wohl über den Klippen‘, einem Seemannslied aus dem 19. Jahrhundert.

Das Panzerlied führte 2009 aufgrund von ‚kriegsverherrlichenden Zeilen‘ zum Einstampfen des Liederbuches „Lied.gut“ der Südwest-CDU.

Das Panzerlied wurde international bekannt durch den Kriegsfilm „Die letze Schlacht“ (Originaltitel: Battle of the Bulge) von Ken Annakin aus 1965 mit Henry Fonda und Robert Shaw.

Panzerschule

Der Kritik des SPD-Landtagsabgeordnete Stephan Braun bezüglich „kriegsverherrlichenden Zeilen“ stimme ich nicht zu. Des Soldaten ureigene Aufgabe ist Krieg. Er soll im Krieg sein Land verteidigen. Soldatenlieder sind dafür da, dass in der Truppe Harmonie und Verteidigungswille gestärkt werden. Man kann dies aber nur tun, wenn man von seinem Tun und Handeln überzeugt ist. Wenn sämtliches Liedgut, dass den Krieg „verherrlicht“ oder den „Truppengeist“ stärkt, verboten ist, dann gibt es nichts, worauf sich die Soldaten im Ernstfall beziehen können.

Ob dieses Lied dafür geeignet ist, maße ich mir nicht an, zu entscheiden. Meist ist es jedoch besser, statt zu streichen, den geschichtlichen Kontext und auch die Kontroverse zu verbreiten. Das Lied wird durch die Streichung auch nicht verschwinden, da der Filmausschnitt über 8 Millionen Besucher bei Youtube hat, auch wenn dort nur die erste Strophe dreimal wiederholt wird.

Einen guten Beitrag habe ich beim aufgelösten Panzerbataillon 314 der Panzergrenadierbrigade 31 gefunden. Dort wird die bei der Bundeswehr verbotene Wehrmachts-Version mit der Version ab 1955 verglichen und folgendes bemerkt:

Zu diesem Thema gibt es leider einige kontroverse Diskussionen, welche meiner Meinung nach aber recht überflüssig erscheinen, da die Aufnahme in das Liedgut der Bundeswehr im zeitlichen und politischen Geschehen der Nachkriegszeit begründet liegt.

Wie so oft wird hier wieder einmal außer Acht gelassen, daß es den „kalten Krieg“ wirklich gab und der Text damals (1955) dahingehend abgewandelt und „geschichtlich“ entschärft wurde. Sicher ist, dass sich der damalige Zeitgeist deutlich auch in der Wortwahl der heutigen Fassung widerspiegelt.

Dass diese Heute; über fünfzig Jahre nach der Wiederbewaffnung und der vollkommen geänderten Verteidigungslage nicht mehr adäquat erscheint, ist für mich selbstredend.

Dennoch sei mir hier eine persönliche Anmerkung erlaubt: Gerade solch ein „durchweichtes“ Liedgut sollte als Diskussionsgrundlage herangezogen werden, um eine politisch bildende Auseinandersetzung innerhalb der Truppe zu fördern. Ein einfaches Wegstreichen nutzt hier aufgrund der leider vielfachen und vielfältigen politischen und geschichtlichen Defizite bei so manchen Soldaten und anscheinend auch bei einigen Politikern nur recht wenig!

„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft!“ – Wilhelm von Humboldt 1767-1835

Panzerlied – PzBtl. 314 in Oldenburg 1961-1992

Der Liedtext ab 1955

1. Ob’s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht, der Tag glühend heiß oder eiskalt die Nacht, bestaubt sind die Gesichter, doch froh ist unser Sinn, es braust unser Panzer im Sturmwind dahin.

2. Mit donnerdem Motor, so schnell wie der Blitz. Dem Feinde entgegen, im Panzergeschütz. Voraus die Kameraden, im Kampfe steh’n wir allein, ja allein, so stoßen wir tief in die feindlichen Reih’n.

3. Mit Sperren und Tanks hält der Gegner uns auf, wir lachen darüber und fahren nicht drauf, und schüttelt er grimmig und wütend seine Hand, wir suchen uns Wege, die keiner sonst fand.

4. Und läßt uns im Stich einst das treulose Glück und kehren wir nicht in die Heimat zurück, trifft uns die Todeskugel, ruft uns das Schicksal ab, dann ist unser Panzer ein ehernes Grab.

Mein Fazit: Aufklären statt Streichen

Es ist im Liedbuch bestimmt genügend Platz, um die Historie und Kontroverse der Lieder darzustellen. Vielleicht kann man auch – wieder einmal – einige Zeilen dem heutigen Zeitgeist anpassen. Volkslieder haben sich auch früher immer wieder geändert.


Weiterlesen …