Bombendrohung auf Weihnachtsmarkt

Am frühen Freitagnachmittag war in einer Apotheke in der Innenstadt von Potsdam ein verdächtiges Paket abgegeben worden. Die Polizei löste daraufhin Bombenalarm aus und sperrte Teile der Innenstadt, darunter auch einen großen Bereich des Weihnachtsmarktes.

Die Deutsche Welle berichtete Obiges mit dieser Schlagzeile:

Potsdamer Weihnachtsmarkt: Alles nur ein schlechter Scherz?

Die Polizei in Potsdam hat Entwarnung gegeben. Das Paket, das einen Bombenalarm ausgelöst hatte, war offenbar weniger gefährlich als befürchtet. Es befanden sich sich diverse Gegenstände darin – aber kein Zünder.

Diese Nachricht verbreitete sich weltweit sehr schnell, weil das Triggerwort „Weihnachtsmarkt“ Leser anzieht wie vor viele Jahren das Wort „Schule“ nach dem Amoklauf in Winnenden.

Weltweite Verbreitung dieses Fake-Bombenalarms

CNN, Wallstreet Journal, Washington Post, BBC, Pakistan Today, Indian Express, Politico, EU-Observer, Daily Mail und viele andere Medien greifen den Alarm auf.

bombenalarm
Screenshot – Google News Suche „Potsdam bomb“

Amok-Drohungen

Die anderen Drohungen, die in den letzten zwei Wochen in Deutschland erfolgten, wurden nicht weltweit verbreitet

22.11.17 – Falscher Amok-Alarm in Duisburg

Ein Großaufgebot der Polizei hat wegen eines Amok-Alarms eine Schule in Duisburg geräumt und nach einem mit Pistolen bewaffneten Mann gesucht. Nach gut dreieinhalb Stunden konnte die Polizei Entwarnung geben. Eine Schülerin hatte den Großeinsatz am Gertrud-Bäumer-Berufskolleg ausgelöst, weil sie einen Mann mit Pistolen auf dem Schulgelände gesehen haben wollte.

24.11.2017 – Amok-Alarm an der Universität Trier!
Donnerstagabend um 22.19 Uhr versendete ein Unbekannter über das Portal „Jodel“ eine Drohung: Er wolle Freitag eine Vorlesung stürmen und töten. Der Tatverdächtige sei am Morgen von Spezialeinsatzkräften in seiner Wohnung in Trier gestellt worden. Bei der Wohnungsdurchsuchung stellten Spezialeinsatzkräfte zwar umfangreiches Beweismaterial sicher, eine Waffe fanden sie jedoch nicht. Um jedes Restrisiko auszuschließen, sperrte die Polizei das Audimax-Gebäude und die Mensa vorsorglich. Am Nachmittag dann konnten die Ermittler Entwarnung geben.

28.11.17 – Amok-Warnungen in Baden-Württemberg
Zwei Mails lösen am Dienstag ziemlich zeitgleich gegen 8 Uhr in Offenburg (Ortenaukreis) und Schramberg (Kreis Rottweil) einen Amokalarm an Schulen aus. Eine weitere Droh-Mail ist gegen 7.30 Uhr an der Nachtpforte des Zentrums für Psychiatrie in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) eingegangen. Eine vierte Droh-Mail geht am Morgen zudem an einer Schule im hessischen Bad Neuheim ein und löst ebenfalls einen Polizeieinsatz aus. Auch dort gibt es keine ernsthafte Bedrohung.

Unterschiedliche Reaktionen der Polizei und Schulen

Offenburg: Mit »einigen Streifenkräften mit entsprechender Ausrüstung« sei die Schule durchsucht worden. Bereits um 10.44 Uhr gibt die Polizei nach einer Überprüfung des Mail-Inhalts und Ermittlungen der Kriminalpolizei wieder Entwarnung.

Schramberg: Dort stehen gegen 8.30 Uhr knapp 30 ausgerüstete Beamte bereit, um die Schule nach einem möglichen Täter oder abgelegten Gegenständen durchsuchen zu können. Die Einsatzführung im Präsidium Tuttlingen entscheidet sich indes dafür, ein Sondereinsatzkommando (SEK) einfliegen zu lassen. Für die eingeschlossenen Schüler zehrt die Wartezeit auf das SEK (Anm. zwei Stunden) an den Nerven. Gerüchte machen sich breit, es könnte eine Bombe geben.  Die Kinder werden gegen 12:00 mit Bussen evakuiert und können erst gegen 13:00 (nach fast fünf Stunden) von den besorgten Eltern in Empfang genommen werden. Allein in Schramberg waren mehr als 100 Polizisten, darunter viele mit schwerer Ausrüstung, im Einsatz.

Winnenden: Mehrere Streifenwagen rückten gegen 7.30 Uhr zu dem psychiatrischen Krankenhaus aus und suchten die Gebäude nach verdächtigen Gegenständen ab. Gegen 11.30 Uhr hat die Polizei ihre Durchsuchung abgeschlossen. „Es wurde kein verdächtiger Gegenstand gefunden“, so ein Sprecher. (Anm. anscheinend ohne Evakuierung)

Bad Nauheim: An der Schule (Anm. Offenbach) konnte der Unterricht aber ebenso stattfinden wie im hessischen Bad Nauheim. In beiden Städten überwachten aber zivile und uniformierte Polizisten bis zum späten Vormittag vor Ort die Lage.

Schramberg: Kritik an Evakuierung

Zu Recht wird das Vorgehen in Schramberg kritisiert:

Kritik jedoch übt (Schulleiter) Dennig an der anschließend abgelaufenen Evakuierung der Schule. Diese war seiner Ansicht nach völlig unnötig. Zwei IT-Experten der Polizei hätten nach einer Überprüfung Entwarnung gegeben und „keine akute Gefahrenlage“ mehr erkannt. Und auch das Spezialeinsatzkommando sei nach einer Durchsuchung der Schule, bei der nichts gefunden wurde, wieder abgezogen.

Wieso dann irgendjemand die Räumung der Schule angeordnet habe, ist für Dennig völlig unverständlich. „Die Evakuierung war in keiner Weise gerechtfertigt“, sagt er. Aber, so bedauert der Dennig, „viel von dem, was passiert ist, ist mit der Schulleitung nicht abgesprochen worden – „und wir wurden auch nicht informiert“. Nicht umsonst hatte sich so auch bei der Evakuierung einer der Einsatzkräfte darüber aufgeregt, „dass acht verschiedene Befehle“ gegeben würden und man „nicht mehr weiß, was zu tun ist“.

Schwarzwälder Bote: Nach Amok-Alarm: Kritik an Evakuierung

Merkwürdige Begründung

Das Vorgehen in Scharmberg, das für Eltern und Schüler traumatisch war, wurde vom Polizeipräsidenten Gerhard Regele wie folgt begründet: Hätte es eine echte Amoklage gegeben, dann wären die 30 Beamten vor Ort sofort in die Schule gegangen.

Weil aber in der Schule alles ruhig war und es keinen erkennbaren Täter in der Schule gab, habe der Polizeiführer entschieden, das Spezialeinsatzkommando (SEK) zu holen. „Für die Sicherheit der Kinder und Lehrer nahmen wir die Verzögerung in Kauf.“

Südkurier: Amok-Einsatz läuft nicht nach Schema F

Verstehe ich das richtig? Weil keine ernst zu nehmende Gefahr bestand, wurden 100 statt 30 Beamte eingesetzt, gab es eine Nachrichtensperre und eine Evakuierung?

Reaktion der Polizei führt zu „Fake-News“

Wie die Reaktion der Polizei die Medien beeinflusst, sieht man an dieser Meldung.

In Schramberg war die Lage am dramatischsten

In Schramberg scheint die Lage am dramatischsten gewesen zu sein. Dort waren laut einem Polizeisprecher mehr als hundert Beamte im Einsatz, darunter Spezialeinsatzkräfte und ein Hubschrauber.

Stuttgarter Nachrichten

Obwohl der Polizeidirektor betonte, dass es keine echte Amoklage gab, führt der Einsatz von SEK und Hubschrauber und die Evakuierung der Schüler dazu, dass die Medien davon ausgehen, dass diese Bedrohung die dramatischste war.

Gut gemeint – aber schlecht gemacht!

Ich gehe davon aus, dass es in den nächsten vier Wochen zu weiteren Bedrohungslagen auf Weihnachtsmärkten kommen wird – und die meisten, wenn nicht gar alle, davon sich als „Fake“ erweisen. Ich gehe auch davon aus, dass seltener Evakuierungen angeordnet werden und die Nachrichten kein Welt-Nachricht-Niveau erreichen werden.

Es ist richtig, dass in Potsdam das Paket von Spezialkräften entschärft wurde. Die darauf folgende stundenlange Sperrung für Anwohner und Markstandsbetreiber sollte jedoch noch einmal überprüft werden.

Anhand von Offenburg:Schramberg sieht man sehr gut, wie die Reaktion der Polizei zur Entwarnung oder zum Angstmachen beiträgt. Auch in Potsdam wurde Angst verbreitet.


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